Stephen Kings "ES": Diese Szenen haben im Film gefehlt

Stephen King ESLeser-Tipp

Er ist bereits jetzt der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten – und die Heimkino-Auswertung hat noch gar nicht begonnen. Auch in Deutschland haben bereits mehr als eine Million Menschen in den ersten Tagen "ES" gesehen. Doch bei allem Erfolg: Perfekt ist der Film nicht. Wir sagen euch, was gefehlt hat.

Da hat Regisseur Andy Muschietti ganze Arbeit geleistet. Weltweit lieben die Kinozuschauer den Film. Besonders die Fans, die den Roman von Stephen King nie gelesen haben, feiern "ES" als gelungene Mischung aus Horrorfilm und Jugenddrama. Die Leser des umfangreichen Romans haben hingegen ein paar berechtigte Kritikpunkte.

Wie ES auf die Erde kam

Im Buch erleben die Kinder mit, wie ihr Gegner erstmals auftauchte. "ES" schlug wie ein Meteorit vor Jahrmillionen auf der Erde ein – und jagt seitdem Lebewesen. In einem Ritual, das sich die Kinder aus einem Buch über die Kultur der Indianer holen, setzen sie ihr unterirdisches Hauptquartier in den Barrens unter Rauch – und sehen in einer Vision die Ankunft des Monsters. Dabei wird zwar nicht verraten, wie "ES" wirklich aussieht, aber es wird deutlich, wie lange das Wesen bereits existiert und wie mächtig es sein muss.

Diese Szene hätte zwingend in den ersten Teil des Films gehört, da es dramaturgisch keinen Sinn macht, im zweiten Teil zu zeigen, dass die Kinder das gewusst haben. Deshalb müssen sich die Fans des Romans wohl damit abfinden, dass sie diesen Moment in den Filmen nicht erleben werden. Schade, denn dieser Background macht "ES" gleich noch einmal unheimlicher.

Mehr Monster

Jedes der Kinder hat seine Begegnung allein mit "ES" – und überlebt. Dabei gibt es einige besonders gelungene Szenen, die im Film leider nicht enthalten sind. Richie sieht "ES" beispielsweise als Werwolf, der ihn durch die Schule jagt. Mike flieht in einer Ruine vor einem gigantischen Vogel, der ihn fressen will. Ben sieht eigentlich eine Mumie, obwohl Muschiettis Version mit dem Kopflosen auch sehr gelungen ist. Und Stan wird im Roman von zwei ertrunkenen Jungen verfolgt und nicht von einem Gemälde – obwohl auch diese  Szene im Film sehr gut geworden ist. An anderer Stelle im Buch sieht ein Kind einen großen Weißen Hai in den Kanälen von Derry schwimmen, der durch die Zeitverschiebung ( im Roman spielen die Erlebnisse der Kinder 1957/58) in den Erwachsenenteil gehört, nun aber eigentlich eher bei den Kindern im Jahr 1989 Sinn gemacht hätte.

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Das Monster nimmt im Film deutlich weniger verschiedene Formen an, als es im Buch der Fall ist. (© 2017 Warner Bros.)

Vermutlich entschied Muschietti, dass er nicht alle Einzelbegnungen der Kinder mit "ES" zeigen wollte, um das Publikum nicht mit aneinandergereihten Monsterauftritten zu langweilen. Aber gesehen hätten wir die Bestien schon gern, oder?

Das Makroversum und das Ritual von Chüd

Im Roman fordert der junge Bill das Monster zu einem Duell der Willenskraft heraus – dem Ritual von Chüd. Dabei kommt Bill auch in Kontakt mit einem Wesen, das sich selbst als Schildkröte zeigt und das Universum erschaffen hat. Sie bezeichnet "ES" als "Der Andere" und zeigt damit nochmals, wie alt und mächtig "ES" eigentlich ist. Außerdem verrät sie Bill, dass er "ES" nur in einem solchen Duell besiegen kann, da es körperlich schlicht zu mächtig ist.

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Im Buch erfährt Bill vieles Wissenswerte von einer Schildkröte – das fehlt im Film. (© 2017 Warner Bros.)

Diesen Teil ließ Muschietti bisher komplett unter den Tisch fallen, zeigte lediglich Anspielungen darauf. So findet Bill in Georgies Zimmer eine Schildkröte aus Legosteinen. Aber diesen kosmischen Faktor, der für viele Horrorfans auch eine Anspielung Kings auf die Werke von H.P. Lovecraft und sein Universum der Großen Alten war, bringt der Regisseur bisher nicht ein. Ob da im zweiten Teil noch etwas kommt? Der Showdown des ersten Films war jedenfalls kein Highlight für Leser des Buchs.

Zufall statt Planung

Drama, Baby! Eigentlich bereiten sich die Kinder lange und akribisch auf ihre Jagd nach "ES" in der Kanalisation vor. Sie besorgen sich eine Waffe (eine Silberkugel) und planen ihre Expedition sorgfältig. So sind sie auf viele Situationen, denen sie unter der Stadt ausgesetzt sind, gut vorbereitet. Vor allem bleiben sie stets dicht beieinander, um nicht allein von "ES" geschnappt zu werden.

Das hat Muschietti zugunsten der Spannung leider komplett über den Haufen geworfen und die Kinder deutlich planloser gemacht als im Roman. Denn hier müssen sie durch Beverlys Entführung sofort reagieren und haben keine Zeit für eine ausgeklügelte Herangehensweise. Das ist zwar sehr spannend, Buchleser vermissen aber sicher die cleveren, coolen Kids aus Kings Werk.

Warum keine Erwachsenen?

Manch ein Kinobesucher wird sich schon ein wenig gewundert haben, warum keines der Kinder mit seinen Eltern über die Vorkommnisse redet. Im Buch wird sehr viel deutlicher, dass offenbar eine Art Bann über der Stadt Derry liegt, die "ES" als sein Jagdrevier sieht. Die Erwachsenen werden fast immer von einer seltsamen Lethargie befallen, wenn "ES" involviert ist und unternehmen nichts gegen die Gewalt in der Stadt.

Das deutet Muschietti in seinem Film zwar an, beispielsweise in der Szene mit Ben und Henry Bowers, aber richtig klar wird es im Film nicht. Hier hätte der Regisseur gern deutlicher machen dürfen, warum die Kinder auf sich gestellt sind und von den Erwachsenen keine Hilfe erwarten können.

Gute Zeiten

Warum halten die Kinder so zusammen? Was der Film auf die Bedrohung durch "ES" schiebt, hat im Buch sehr viel tiefere Wurzeln. So sind Beverly und Richie bereits befreundet und kennen sich gut. Und die Kinder erleben miteinander auch sehr viele schöne Momente in diesem Sommer, nicht nur das Schwimmen im See.

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Warum halten die Kids zusammen wie Pech und Schwefel? Das wird im Buch deutlich besser erklärt. (© 2017 Warner Bros.)

Hier hat Muschietti – sicher auch mangels Zeit – die Entstehung der Freundschaft arg eingedampft. Allerdings gibt es Hoffnung für die Fans des Romans: Auf DVD und Blu-Ray soll der Film in einer 15 Minuten längeren Fassung erscheinen und mehr Szenen beinhalten, die sich mit der Entstehung des Clubs der Verlierer beschäftigen. Diese 15 Minuten könnten dem Film sicher gut tun, da er trotz seiner Länge von 135 Minuten sehr viele Szenen aus dem Roman weglässt.

Ihr habt "ES" noch gar nicht gesehen? Dann könnte euch vielleicht ein Blick auf unsere Filmkritik zu einem Kinobesuch bewegen.

Aufmacherbild: (© 2017 Warner Bros.)

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